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Kurznachrichten
Verletzte ausgeflogen
03.09.2014
Die Bundeswehr hat 20 verwundete Kämpfer aus der Ukraine zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen.

Außen und innen
26.08.2014
Der deutsche Außenminister moniert eine mangelnde Zustimmung in der Bevölkerung für eine offensive deutsche Weltpolitik.

Die Verantwortung Berlins
20.05.2014
Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen erhebt im Konflikt um die Ukraine schwere Vorwürfe gegen Berlin.

"Ein gutes Deutschland"
30.04.2014
Das deutsche Staatsoberhaupt schwingt sich zum Lehrmeister der Türkei auf.

Die Dynamik des "Pravy Sektor"
11.03.2014
Der Jugendverband der NPD kündigt einen "Europakongress" unter Beteiligung des "Pravy Sektor" ("Rechter Sektor") aus der Ukraine an.

Der Mann der Deutschen
18.02.2014
Die deutsche Kanzlerin hat am gestrigen Montag zwei Anführer der Proteste in der Ukraine empfangen.

Die Herero als Terroristen
17.02.2014
Die Wochenzeitung der staatlich geförderten "Landsmannschaft Ostpreußen" erklärt die Herero zu "Terroristen" und den deutschen Genozid an ihnen zum "Krieg gegen den Terror".

Zukunftspläne für die Ukraine
07.12.2013
Eine führende deutsche EU-Politikerin hat in Kiew mit dem Anführer der extrem rechten Partei Swoboda verhandelt.

Strafanzeige
15.10.2013
Gegen die scheidende Staatsministerin im Auswärtigen Amt Cornelia Pieper ist Strafanzeige wegen öffentlicher Leugnung von NS-Massenmorden erstattet worden.

Umweltschutz
15.10.2013
Die deutsche Regierung hat die Einführung strengerer Abgasnormen für Autos in der EU verhindert.

Aus Leipzig deportiert
10.11.2006
LEIPZIG
Über die Deportation der jüdischen Bevölkerung Leipzigs sprach german-foreign-policy.com mit Dr. Steffen Held. Held ist Projektleiter der Ausstellung "Der letzte Weg. Die Deportation der Juden aus Leipzig 1942–1945", die vom 11. November 2006 bis zum 28. Januar 2007 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig zu sehen ist.
german-foreign-policy.com: Die von Ihnen erarbeitete Ausstellung berichtet über die Deportation der jüdischen Bevölkerung Leipzigs. Was zeigen Sie konkret?

Dr. Steffen Held: Die Ausstellung zeigt in fünf Kapiteln eine Deportationsgeschichte der Stadt Leipzig. Erstmals wird für Leipzig auf die Täterseite eingegangen, werden Gesichter gezeigt, Lebensläufe vorgestellt. Sichtbar wird das Zusammenwirken von Gestapo, Stadtverwaltung, Finanzämtern, Devisenstelle und Arbeitsamt in der Vorbereitung und Abwicklung der Deportationen. Im Zentrum der Exposition steht die Erinnerung an die Opfer. Aus Leipzig wurden etwa 2.000 nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als Juden identifizierte Bürger deportiert. An zehn Einzelschicksale wird erinnert. Vor allem Fotos zeigen die Menschen als ganz normale Bürger vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Für die Zeit nach 1933 geben insbesondere Dokumente und Aussagen von Zeitgenossen Auskunft über die Verfolgung im NS-Staat bis zu den Deportationen. Welche Alternativen hatten die Juden, deren Namen auf einer Transportliste erschienen? Da war die extremste Entscheidung: der Entschluss zum Selbstmord. In Leipzig wählten mindestens 43 Menschen diesen Schritt. Einen anderen Ausweg, der mit Überleben verbunden war, bot das Untertauchen, das Versteckt- und Versorgtwerden durch mutige nichtjüdische Menschen. Auch von diesen Entscheidungen erzählt die Ausstellung anhand von konkreten Fällen.

gfp.com: Deportationen gab es ja bereits im November 1938...

Held: Im November 1938, im Gefolge der Reichspogromnacht kam es in Leipzig, wie überall in Deutschland, zu Massenverhaftungen jüdischer Männer. Verhaftungen galten als ein Druckmittel, um die Menschen zur Auswanderung zu drängen. Zwischen dem 10. und 15. November 1938 wurden in Leipzig 552 deutsche Juden verhaftet und etwa 370 in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. Die erste Massenabschiebung von Juden durch das NS-Regime hatte aber schon vorher stattgefunden. In der sogenannten reichsweiten "Polenaktion" wurden Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit gewaltsam in das deutsch-polnische Grenzgebiet getrieben. In Leipzig waren von dieser Aktion etwa 1.600 Männer, Frauen und Kinder betroffen.

gfp.com: Wurden die Deportationen von Übergriffen der Leipziger Bevölkerung begleitet? Kann man von Pogromen im Schatten der behördlichen Verhaftungen sprechen?

Held: Bei den "Judentransporten", die die Ausstellung zum Thema hat, verhielt sich die nichtjüdische Bevölkerung passiv. Die Transporte liefen ja auch mehr oder weniger von der Öffentlichkeit abgeschirmt ab. Die Menschen kamen für ein bis zwei Tage in eine Sammelstelle, 1942 und 1945 waren es die Gebäude von Volksschulen, und sie wurden dann von dort zu den Abfahrtsstellen der Züge eskortiert.

gfp.com: Wie wurde mit dem Eigentum der Verhafteten und Deportierten verfahren? Wurden die Wohnungen geplündert?

Held: Juden, die in das Sonderghetto Theresienstadt deportiert wurden, mussten durch den Abschluss eines "Heimeinkaufsvertrages H" noch vorhandenes bewegliches Vermögen an die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" abtreten. Als Gegenleistung wurde den Opfern Heimunterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung zugesagt. Eine Klausel nannte auch ein "Recht der anderweitigen Unterbringung". Aufsichtsbehörde der "Reichsvereinigung" war die von Adolf Eichmann geleitete Zentralstelle für Auswanderung. In den Leipziger Sammelstellen wurden dann nochmals das Gepäck und die Kleidung der jüdischen Menschen von Gestapobeamten durchsucht. Uhren und Schmuck einschließlich der goldenen Eheringe wurden eingezogen. Nach der Abfahrt der Transporte inventarisierte die Gestapo die in den Zimmern, Wohnungen und jüdischen Alters- und Pflegeheimen zurückgebliebenen Gegenstände. Ein Teil davon ging an Funktionsträger, Behörden, aber auch Museen und Bibliotheken. In letzterem Falle handelte es sich um Kunstgegenstände, Bilder, Bücher oder Autographen. Der übrige Teil, vor allem Kleidung, Haushaltsgegenstände und Möbel, wurde zur öffentlichen Versteigerung freigegeben. Die Versteigerungen besorgte das Auktionshaus Klemm.

gfp.com: Gab es unter den Leipziger Opfern Widerstand?

Held: Widerstand im Sinne einer offenen Auflehnung gegen die Täter ist bisher nicht bekannt. Aber Widerstand im weiteren Sinne hat es schon gegeben. Dazu gehört zu allererst, dass sich Opfer dem Transport durch Untertauchen entzogen. Als nach der ersten Deportation aus Leipzig (21. Januar 1942) die Verfahrensweise sichtbar war, haben Juden persönliche Dinge in die Obhut nichtjüdischer Bekannter gegeben.

gfp.com: Welche Logistik benutzten die Täter?

Held: An der Spitze der Verfolger stand das Reichssicherheitshauptamt in Berlin. In den Händen von Eichmann liefen die organisatorischen Fäden zusammen. Aus seinem Referat erhielten die lokalen Gestapostellen die Instruktionen und es erfolgte die Abstimmung mit dem Reichsverkehrsministerium. Die Reichsbahndirektionen, für Leipzig war Halle (Saale) zuständig, stellten die Lokomotiven und Waggons und die Streckenpläne bereit.

gfp.com: Die Todestransporte, bei denen die Reichsbahn insgesamt elftausend jüdische Kinder aus Frankreich in die Vernichtungslager deportierte, durchquerten auch den Leipziger Hauptbahnhof. Liegen Ihnen nähere Informationen darüber vor?

Held: Ja, darüber sind Details bekannt. Die Todeszüge aus Frankreich in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz rollten über den Eisenbahnknoten Leipzig und hielten immer etwa für 30 Minuten im Bereich des Güterbahnhofs Engelsdorf, wo die Lokomotiven Wasser und Kohle fassten. In diesen Transporten zwischen 1942 und 1944 befanden sich mindestens 36 Kinder und Jugendliche zwischen vier und siebzehn Jahren, die nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten mit ihren Eltern aus Leipzig nach Frankreich geflüchtet waren.
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