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Kurznachrichten
Das grüne Feigenblatt
15.05.2008
Unmittelbar vor der gestrigen Unterzeichnung des Biosprit- Abkommens zwischen Deutschland und Brasilien ist die brasilianische Umweltministerin zurückgetreten.

Masterplan
06.05.2008
Die Deutsche Telekom erwägt eine Milliarden- Übernahme in den USA und setzt zum Sprung an die Spitze des Weltmarktes an.

Vorstoß
25.04.2008
Der deutsch- französische Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS stößt mit einem Zukauf in den großen US-Markt für "Heimatschutz" vor.

Kriminalität und Gewalt
23.04.2008
Die Konrad-Adenauer- Stiftung lädt den Verantwortlichen für ein Massaker an Landlosen in Brasilien als Gastredner zum Thema "Kriminalität und Gewalt" ein.

Weltkonzern
15.04.2008
Die Logistiksparte der Deutschen Bahn setzt ihre Expansion im Westen und im Norden Europas fort.

Krösus
18.03.2008
Die Deutsche Telekom steigt beim größten Telekomanbieter Griechenlands ein und wird damit zu einem Dominator in Südosteuropa.

Strategischer Mehrwert
18.03.2008
Der Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern stärkt mit einem Zukauf in den Niederlanden sein Rüstungsgeschäft.

Der Kosovo-Effekt
07.03.2008
Die von Berlin forcierte Parzellierung Serbiens lässt weitere Sezessions- konflikte auflodern. Die ersten Toten werden gemeldet.

Streubomben
24.02.2008
Berlin versucht ein weltweites Verbot von Streubomben zu verhindern.

Torpediert
13.02.2008
Die Marktdominanz des deutschen Handelskonzerns Rewe in Österreich droht am politischen Widerstand der österreichischen Regierung zu scheitern.

Von hinten erschossen
29.10.2006
LONDON/PARIS/BERLIN
(Eigener Bericht) - Unter dem steigenden Druck der internationalen Öffentlichkeit sucht die deutsche Regierung nach einer Lösung des Konflikts zwischen der Deutschen Bahn AG und dem Berliner Verkehrsministerium. Der Streit um die NS-Deportationen auf dem deutschen Schienennetz und ein angemessenes Gedenken an die etwa drei Millionen Opfer, darunter mehrere Tausend Kinder, müsse "vom Tisch", heißt es im Bundeskanzleramt. Auch das Auswärtige Amt dringt auf eine schnelle Klärung, da die Medien den Skandal weltweit zur Kenntnis nehmen und in Zusammenhang mit rechtsradikalen Entwicklungen in Deutschland bringen. "Frau Merkels Regierung hat es mit einem zwanzigprozentigen Anstieg stark rechtslastiger Gewaltereignisse zu tun", schreibt der Londoner "Independent" und titelt in seinem Korrespondentenbericht aus Berlin: "Der deutsche Bahnchef verhindert eine Ausstellung über die Holocaust-Transporte". Ausführliche Meldungen erscheinen nicht nur in der europäischen Presse, sondern werden auch in den USA sowie in asiatischen Medien verbreitet. Der im Bundeskanzleramt geforderte Kompromiss sieht vor, die Initiatoren der Ausstellung weitgehend zu neutralisieren und das politisch sensible Thema unter die Aufsicht zuverlässiger Instanzen zu bringen. Dem Bahnchef sei die Zusammenarbeit mit der französischen Organisation von Beate Klarsfeld und ihren seit zwei Jahren demonstrierenden deutschen Unterstützern nicht zuzumuten. In einer ersten Konsequenz hat das Verkehrsministerium jegliche Kontakte zu den Bürgerinitiativen in über zehn deutschen Städten abgebrochen, erfährt german-foreign-policy.com aus Berlin.
Der Schwenk des Verkehrsministeriums erfolgt nach einem "schweren Zusammenstoß" [1] zwischen Amtsinhaber Tiefensee und Bahnchef Hartmut Mehdorn. Tiefensee wollte Mehdorn vorschlagen, die geforderte Ausstellung über die Bahn-Deportationen dem Geschichtsinstitut des Hamburger Mäzens Reemtsma anzuvertrauen. Auch diesem Kompromiss, der die staatliche Verantwortung des Berliner Verkehrsministeriums auf das private Reemtsma-Institut verlagert, begegnete der Bahnchef mit der bekannten Ablehnung. Demnach sind die deutschen Bahnhöfe für "das Thema" [2] grundsätzlich nicht geeignet, weil es "zu ernst" sei - eine offenkundige Schutzbehauptung, da die Bahn in ihren Liegenschaften mehrmals Fotoausstellungen mit teilweise grausamen Motiven zeigte.[3] Trotz der internationalen Reaktionen [4], die sich auf Berichte von UPI und Reuters stützen [5], pokert Mehdorn weiter und hat jetzt ein Machtwort des Bundeskanzleramts erreicht. Demnach soll es in kürzester Frist zu einem Krisentreffen kommen, um den internationalen Schaden zu begrenzen. Voraussetzung sei die politische Neutralisierung des Ausstellungsvorhabens und seiner jetzigen Träger, heißt es nach Informationen mehrerer Koalitionsabgeordneter. Wie die Initiative "Elftausend Kinder" bestätigt, hat das Verkehrsministerium die bisherigen Kontakte eingestellt.
Verzweiflung
Ungeachtet der Berliner Polit-Manöver setzt die bundesweite Initiative ihre seit zwei Jahren anhaltende Öffentlichkeitsarbeit fort. In Vorbereitung auf das Gedenken an die Opfer des Rassepogroms vom 9. November 1938 verbreiten die dezentralen Gruppen seit heute einen Flyer, der in den kommenden Wochen in zahlreichen Städten und entlang der Deportationsstrecke verteilt werden wird.[6] Darin heißt es unter anderem: "Im November des Jahres 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen (...). 20.000 Menschen wurden verhaftet oder mit Zügen der Reichsbahn in Konzentrationslager verschleppt - auf dem deutschen Schienennetz begann die Logistik des Todes (...). Bis zum Ende des 2. Weltkriegs rollten Reichsbahn-Transporte mit insgesamt 3 Millionen Opfern durch Deutschland: Männer, Frauen und auch viele Kinder traten in den Viehwaggons ihre letzte Reise an (...). Aus den Viehwaggons warfen die Kinder Zettel und letzte Briefe auf die Gleise (...). Es sind erschütternde Zeuginsse menschlicher Verzweiflung. Dass sie von Kindern stammen, berührt uns besonders. Deswegen haben wir dazu aufgerufen, dieser Kinder zu gedenken - dort wo sie (und Millionen anderer Opfer) durch Deutschland fuhren: durch die Bahnhöfe fast jeder deutscher Stadt, über die Gleisanlagen, die wir auch heute benutzen."
Warnung
In dem mehrfaltigen Flugblatt heißt es, man werde sich am 9. November über die Weigerung der Bahn AG hinwegsetzen und das Reisepublikum umfassend informieren - auch über die Haltung der deutschen Regierung. "Die politische Verantwortung für das skandalöse Verhalten der Bahnspitze trägt der Bundesminister für Verkehr. Er muss das Gedenken an die Kinder endlich durchsetzen, statt es in Museen oder Geschichtsinstitute zu verschieben. Die Fotos und Briefe der Kinder sind Zeugnisse der Menschlichkeit und warnen vor den Folgen des Rechtsradikalismus. Die Initiatoren des Gedenkens fordern den Minister auf: Handeln Sie - gemeinsam mit den Nachkommen der Opfer und den Initiativen in mehr als zehn deutschen Städten!"
Protestaktionen
Inzwischen nimmt der öffentliche Zuspruch für die Forderungen der Initiativen weiter zu. Auf der gestrigen Bezirkskonferenz Mittelbaden-Nordschwarzwald forderten die Delegierten der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee auf, "von seiner Kompetenz gegenüber der bundeseigenen Bahn AG Gebrauch zu machen (...). Die Bezirksmitglieder werden gebeten, sich solange an Protestaktionen auf den Bahnhöfen zu beteiligen, bis das berechtigte Anliegen erfüllt wird".[7] Entsprechende Aktivitäten werden am 9. November im Bereich Stuttgart-Karlsruhe stattfinden, hieß es auf der ver.di-Bezirkskonferenz. Den Karlsruher Aufruf unterzeichnete u.a. die Jüdische Kultusgemeinde der Stadt.
Gefürchtet
Dass die Deportationsverbrechen der Reichsbahn auch 68 Jahre nach den Pogromen des 9. November noch immer weitgehend unerforscht sind, zeigen aktuelle Medienberichte. Am 1. November läuft im WDR-Fernsehen eine Dokumentation über das Schicksal von 335 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus dem Rheinland, die mit dem Reichsbahnzug DA 21 durch Deutschland geschleust wurden - Reiseziel Weißrussland. "Es sollte (...) ihre letzte Reise sein, denn als der Sonderzug Minsk am 24. Juli (1942) frühmorgens um 6:42 Uhr erreichte, wartete bereits ein Exekutionskommando, bestehend aus Mitgliedern der Waffen-SS und des Sicherheitsdienstes."[8] Wie der Film des WDR-Autors Jürgen Naumann rekonstruiert [9], mussten sich die Kinder und Jugendlichen "in einem Waldstück hinter dem Vernichtungslager Maly Trostenez (...) ausziehen, niederknien und wurden von hinten erschossen." Nicht nur die Männer des Exekutionskommandos kehrten nach dem Krieg in ihre bürgerlichen Berufe zurück und blieben unbestraft - auch die Verantwortlichen der Reichsbahn tauchten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft unter. Ihre nie aufgeklärte Beteiligung an den Deportationsverbrechen verdeutlicht, warum der Widerstand gegen das Opfergedenken anhält: Es wird als Einfallstor zur historischen Wahrheit gefürchtet.
Kontrolle
In welchem Umfang deutsche Kinder aus jüdischen Familien mit der Reichsbahn in den Tod geschickt wurden, belegen auch die von Serge Klarsfeld (Paris) herausgegebenen Dokumentarbände.[10] Darin listet der Historiker und Präsident der Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" (FFDJF) unter anderem die Namen der deutschen Deportierten auf, die als jugendliche Emigranten in Frankreich Zuflucht gefunden hatten, aber nach der NS-Okkupation verhaftet wurden. Fotos von 180 deutschen Kindern konnte Klarsfeld nach langen Recherchen finden. Die Abbildungen zeigen Alltagsszenen aus Kindergärten, Schule und Freizeit - auf den deutschen Bahnhöfen dürfen sie nicht ausgestellt werden. Auch vom Berliner Verkehrsministerium werden Klarsfeld und seine Opferorganisation offenbar nicht herangezogen; die Kontrolle über eine etwaige Ausstellung soll das Hamburger Reemtsma-Institut übernehmen. Aus der Klarsfeld-Dokumentation veröffentlicht german-foreign-policy.com weitere Auszüge mit den Namen der Kinder und ihrer Herkunftsstädte - von Bamberg bis Würzburg.[11]
Die Namen zahlreicher deportierter Kinder und ihrer deutschen Herkunftsstädte finden Sie hier.
Bitte beachten Sie auch unser EXTRA-Dossier "Elftausend Kinder".
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