Der jetzt eröffneten Ausstellung im Weimarer Stadtmuseum, die bis zum 5. Juli zu sehen sein wird [1], gingen scharfe Auseinandersetzungen mit dem Bahn-Vorsitzenden Mehdorn voraus. So hatte der ehemalige Oberbürgermeister Volkhardt Germer in mehreren Schreiben an Mehdorn darauf gedrängt, das Weimarer Bahnhofsgelände zu öffnen und den Reisenden einen Blick auf Fotos und Dokumente der Kinder zu gestatten. Mehdorn lehnte das Ansinnen "aus prinzipiellen Erwägungen" strikt ab, obwohl über die Weimarer Gleisanlagen Massentransporte nach Buchenwald und Auschwitz gingen. Daraufhin machte der Weimarer OB die Kontroverse öffentlich. Seine Schreiben an Mehdorn "wurden zunehmend deutlicher" [2], beschreibt Germer (SPD) den Ton der Korrespondenz. "Trotz mehrfacher Bitten" blieb Mehdorn bei seiner Weigerung.
Bloß gestellt
Wie bereits bei der kürzlichen Ausstellungseröffnung in Karlsruhe [3] wurden Einladungen an die Berliner Bahn AG von der Unternehmensführung auch in Weimar ausgeschlagen. Stattdessen entsandte der Vorstand subalterne Beobachter, die zu Stellungnahmen nicht befugt sind. Laut Tenor der Weimarer Presse hat sich die Mehdorn-Gruppe vollständig isoliert und hofft, durch Verschleppen Zeit zu gewinnen. Die Ausstellung sei "der Bahn AG ein Dorn im Auge", schreibt die Thüringische Landeszeitung.[4] Auch die Thüringer Allgemeine stellt das Unternehmen bloß.[5] In einer Stellungnahme des Weimarer Aktionskomitees "11.000 Kinder" wird "scharfe Kritik an der Geschichtspolitik" der Bahn geübt.[6]
Zugzwang
Der öffentliche Unwille über die Abwehr der Gedenk-Forderungen macht sich ebenso im Deutschen Bundestag breit. In einer Kleinen Anfrage wollten Abgeordnete der Fraktion "Die Linke" Mitte Mai wissen, warum die Bahn AG "mit umstrittenen Begründungen die Präsentation der Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen" ablehnt.[7] Weiter heißt es in der Parlamentsvorlage, die Bundesregierung müsse "als Mehrheitsaktionär der Deutschen Bahn AG (...) ein Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit der Deutschen Bahn haben und dieses Interesse auch nach außen dokumentieren". Darauf antwortete die Bundesregierung Ende Mai, Bundesminister Wolfgang Tiefensee habe "den Vorstandsvorsitzenden der DB AG, Dr. Hartmut Mehdorn, bereits am 24. März 2006 persönlich darum gebeten", die Ausstellungs-Verweigerung "nochmals prüfen zu lassen" - eine neue Ermahnung an Mehdorn, der nun sogar im Bundestag unter Zugzwang gesetzt wird.
Zusammenhang
Aber Mehdorn scheint zu glauben, er könne die Unmutsbekundungen aussitzen. Durch seinen Pressesprecher hatte er mitteilen lassen, "bis Ende Mai" gemeinsam mit "den Initiatoren der Ausstellung ein Detailkonzept auszuarbeiten und festzulegen".[8] Bisher hat die Bahn AG jedoch weder mit der Pariser Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" (FFDJF) noch mit der deutschen Initiative "Elftausend Kinder" Kontakt aufgenommen, bestätigen beide Seiten. Seit Mitte vergangenen Jahres lehnt der Bahn-Vorstand jeden Kontakt mit den Initiatoren ab, weil Mehdorn "Aktionen, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Verbrechen des Nationalsozialismus und unserem Unternehmen herstellen" [9], nicht duldet. Dass dieser Zusammenhang objektiv besteht, lässt sich den Forschungsergebnissen namhafter Historiker entnehmen.[10]
Taub
Über die anhaltende Gesprächsverweigerung scheint die Bundesregierung nicht informiert zu sein: In ihrer aktuellen Antwort auf die Kleine Parlamentsanfrage behauptet sie, es würden "derzeit" Gespräche zwischen "den Initiatoren der Ausstellung und der DB AG geführt".[11] "Leider kann davon keine Rede sein", sagte die Pressesprecherin der deutschen Initiative am gestrigen Samstag auf Anfrage dieser Redaktion. "Seitdem die Bahn AG vor zwölf Monaten erklärt hat, wir seien ihrer Zusammenarbeit nicht wert, hat sie keinen Brief, keine Bitte, keinen Appell beantwortet. Die Unternehmensführung stellt sich taub und setzt diese Politik bisher fort."
Koffer

In einer gemeinsamen Pressemitteilung der deutschen Initiative und der Pariser Organisation heißt es zur Weimarer Ausstellungseröffnung, man werde die Proteste intensivieren, "bis den 11.000 Kindern (und sämtlichen übrigen Deportierten) auf den deutschen Publikumsbahnhöfen Ehre erwiesen wird".[12] Dieser Forderung gaben in Weimar Demonstranten Nachdruck, die dem Aufruf des lokalen Aktionskomitees folgten und nach einem Halt am Buchenwald-Denkmal zum Hauptbahnhof zogen (unser Foto). Auf dem Bahnhofsvorplatz stellten sie Koffer ab, die an die Deportierten erinnerten. In Weimar war am 18. August 1944 der letzte bekannte Bahntransport aus Drancy (bei Paris) angekommen und lieferte die Verschleppten dem Tod im nahen Konzentrationslager Buchenwald aus.
Nur wenige
Um die Exponate der Weimarer Ausstellung (Kurator: Christoph Schwarz) [13] insbesondere Jugendlichen näher zu bringen, wurden 16 Schülerinnen und Schüler als Ansprechpartner für Gruppenbesucher ausgebildet. In einem umfangreichen Begleitprogramm geht Harry Stein "Spuren jüdischer Familien in Weimar" nach, Prof. Ahlrich Meyer wird am 28. Juni über die "Endlösung" in Frankreich referieren. Das Aktionskomitee "11.000 Kinder" und der Verein "Gerberstraße 1" laden zu Exkursionen nach Erfurt ein. Dort stehen bis heute die Überreste der Firma Topf und Söhne, jenes Unternehmens, das die Todesfahrten auf dem deutschen Schiennetz einem technisch durchdachten Ende zuführte: Topf und Söhne lieferte Belüftungsanlagen für die Gaskammern von Auschwitz und kümmerte sich um das Funktionieren der Verbrennungsöfen. Dort wurden die elftausend Kinder eingeäschert. Nur wenige überlebten.
Wir dokumentieren die Pressemitteilung der deutschen Initiative "Elftausend Kinder" und der Pariser Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France"
hier.