Für die Errichtung des neuen Berliner Zentralbahnhofs, der im Regierungszentrum liegt und die bisherigen Publikumsknotenpunkte (Ostbahnhof/Zoologischer Garten) abwertet, wurden nach offiziösen Schätzungen 700 Millionen Euro ausgegeben. Auf dem Nachbargelände des früheren Lehrter Bahnhofs, der bei den Kämpfen um die Eroberung der NS-Reichshauptstadt fast völlig zerstört wurde, entstand eine überwölbende Stahl-Glas-Konstruktion immensen Ausmaßes. Aussagen über die zur Verwendung gekommenen Materialmengen und Trägerkapazitäten ersetzen architektonische Spezifika des traditionslosen, durch bloße Größe prunkenden Baus. Er fügt sich in die übrige Hauptstadtkulisse, deren beliebige Modernität "kongenial" abgebildet wurde, heißt es bei Kritikern der neuen deutschen Gigantomanie.[1]
Vergeblich
Aus Sorge um Störungen der heutigen Einweihung, die unter internationaler Aufmerksamkeit steht und möglichst komplikationslos verlaufen sollte, hatte die Berliner Konzernzentrale in den vergangenen Tagen Informationen über die geplanten Proteste eingeholt. So setzten sich Beauftragte des Unternehmensvorstandes mit den Organisatoren der Veranstaltungen in Karlsruhe in Verbindung - dort werden Überlebende der Massendeportationen aus Frankreich auf dem Hauptbahnhof demonstrieren und in einer Abendveranstaltung über den Weg in die NS-Vernichtungslager sprechen. Der Einladung nach Karlsruhe folgt auch Beate Klarsfeld und vertritt die Pariser Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" (FFDJF/Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich).[2] FFDJF bittet die Bahn AG seit über zwei Jahren, dem Vorbild der französischen und niederländischen Staatsbahnen zu folgen und die Reisenden mit einer Wanderausstellung an die Massendeportationen der Jahre 1942 bis 1944 zu erinnern - bisher vergeblich.[3] Unter den Deportierten befanden sich über elftausend jüdische Kinder, die auf der Strecke Saarbrücken-Frankfurt-Weimar-Leipzig-Dresden nach Auschwitz geschleust und dort ermordet wurden.
Nicht geeignet
Auch Demonstrationen auf zahlreichen deutschen Bahnhöfen, die von der Initiative "Elftausend Kinder" angeregt wurden, beeindruckten den Berliner Bahnvorstand nicht. Nachdem hunderte Unterzeichner eines "Offenen Briefes" um ein Einlenken der Konzernspitze nachgesucht [4] und sich prominente Persönlichkeiten als Vermittler zur Verfügung gestellt hatten, brach die Unternehmensführung jeglichen Kontakt ab [5]. Zur Begründung hieß es, der von den Petenten behauptete Zusammenhang zwischen den Verbrechen des früheren Deportationsunternehmens "Reichsbahn" und der heutigen Bahn AG bestehe nicht; Ausstellungen auf Bahnhöfen seien zudem nicht geeignet, an die historischen Ereignisse und bedauernswerten Schicksale angemessen zu erinnern.
Selektiv
Zum Zeitpunkt dieser Behauptungen wanderte über zehn deutsche Großstadtbahnhöfe eine Fotoausstellung des "World Press Award", für die das Bahnunternehmen in seinen PR-Organen warb ("Die weltbesten Pressefotos auf Tournee"). Unter den Exponaten befanden sich grauenerregende Kriegsdarstellungen. 2003 organisierte die Berliner Bahn-Zentrale, Abteilung "Konzerngeschichte", einen "Geschichts-Express", der für "Schulfahrten und Gruppenreisen" zur Verfügung stand.[6] Durchaus erinnerungsfähig kündigte die Bahn AG an, ihr "Sonderzug (...) aus der Reichsbahnzeit" passiere mehrere Stationen jenes "Eisenbahnnetzes, das vor 1945 noch mit 39 Strecken verbunden war". Die historische Zugreisen auf den Gleisen der Kriegsjahre galten jedoch nicht den Millionendeportationen und Massenverbrechen der "Reichsbahnzeit", sondern widmeten sich einer "Ausstellung über die Aufstände des 17. Juni 1953". Ähnliche "Sonderzüge", die ausdrücklich das "Gedenken" fördern sollten, hatte die Bahn auch zu anderen Geschichtsereignissen eingesetzt - die selektive Wahrnehmung verbietet es bis heute, dass dabei jene Verbrechen und Verbrecher benannt werden, die im deutschen Bahnwesen der Nachkriegszeit fortwirkten. Die naheliegende Idee, einen "Geschichts-Express" auf den früheren Deportationsstrecken verkehren zu lassen, um Gruppen und Schulklassen mit der letzten Bahnreise der in Viehwaggons verschleppten elftausend Kinder vertraut zu machen, scheint dem Berliner Großunternehmen fremd.
Landtag
Die offenkundigen Ausflüchte der Bahn AG, die in stereotypen Wiederholungen auf ihr Museum in Nürnberg verweist und sich den Erhalt eines verkommenen Gleisteils am ehemaligen Deportationsbahnhof Grunewald zugute hält, stoßen inzwischen nicht nur auf Unverständnis, sondern sorgen für Empörung. So heißt es in der deutschen Presse, "die Obstruktionspolitik des Managements" beleuchte einen "unerhörten Vorgang" [7], der zur aktuellen Entwicklung in der Neonazi-Szene passe. Deren Einfluss ginge über parlamentarische Minderheitsbeteiligungen längst hinaus und habe die gesellschaftliche Mitte erreicht.[8] Nach einer Initiative der Weimarer Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD), der den Berliner Konzern seit Monaten zu der Deportations-Ausstellung drängt, verlangt jetzt auch die zweitstärkste Fraktion der Leipziger Bürgerschaft (Die Linke.PDS), das Unternehmen müsse den dortigen Großbahnhof für die Ausstellung mit Fotos und Dokumenten der deportierten elftausend Kinder zur Verfügung stellen. Auf überregionaler Ebene will sich der Dresdener Landtag mit der Ausstellung beschäftigen.
Zu Ehren
Die bisherigen Träger der Ausstellungsinitiative ("Fils et Filles des Déportés Juifs de France" und "Elftausend Kinder") haben vor zwei Wochen eine gemeinsame Kommission ins Leben gerufen und gehen davon aus, dass Fotos und Dokumente der Deportierten noch in diesem Jahr auf einem zentralen deutschen Publikumsbahnhof zu sehen sein werden. "Es ist nicht zu verstehen, warum die 'weltbesten Pressefotos' eine Tournee-Präsentation erfahren, das Gedenken an die Bahn-Opfer hingegen eingeschränkt werden soll", heißt es auf Anfrage dieser Redaktion. "Wir sind weiter darauf vorbereitet, mit der Bahn AG Einvernehmen über Inhalte und Modalitäten der Wanderausstellung zu erzielen - eine Ausstellung zu Ehren und zum Gedächtnis der elftausend Kinder sowie aller übriger Deportierter. Sie darf nicht im musealen Abseits, sondern muss überall dort stattfinden, wo die letzte Reise der Verschleppten entlang führte."
Nicht unwahrscheinlich
Mit der heutigen Demonstration auf dem Karlsruher Hauptbahnhof (ab 17.30 Uhr) und der anschließenden Veranstaltung im ver.di-Haus (19.30 Uhr) wollen die Initiatoren auch klar stellen, dass es ohne konkrete Zusagen der Berliner Konzern-Zentrale kein Ende der improvisierten Gedächtnistreffen geben und mit größeren Bahnhofs-Aktionen während der Stoßzeiten zu rechnen sein wird. Dass es dazu kommen könnte, scheint nicht unwahrscheinlich: Im April kündigte die Pressestelle des Unternehmens an, sich mit den Ausstellungs-Initiatoren in Verbindung setzen zu wollen. Darauf warten "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" und die Gruppe "Elftausend Kinder" bis heute vergebens. An fehlenden Kontaktmöglichkeiten kann es nicht liegen; vielleicht liegt es an der Champagnerlaune im wieder erstandenen Zentralbahnhof des vereinigten Berlin.
Weitere Informationen finden Sie in unserem EXTRA-Dossier "Elftausend Kinder"