|
|
||||||||||
|
Anzeige
Gabriele del Grande: Das Meer zwischen uns
Flucht und Migration in Zeiten der Abschottung: Jahrelang hat Gabriele del Grande recherchiert, unter Flüchtlingen, auf Ämtern, in Abschiebehaft. Er deckt Missstände bei europäischen Behörden und in europäischen Gesetzen auf, prangert sie an, verleiht inhaftierten und verfolgten Flüchtlingen eine Stimme.
Kurznachrichten
Kapitulation des Rechts
03.02.2012
Spionageschiff
17.01.2012
Von nationaler Bedeutung
28.09.2011
Bertelsmann expandiert
25.08.2011
Partner in Asien
17.08.2011
Partner Vietnam
10.06.2011
South Stream
22.03.2011
Rasse
06.09.2010
Ungesühnt
20.08.2010
Zwischen Russland und China
19.08.2010
|
Weichenstellung
31.03.2006
Das am vergangenen Montag versandte Schreiben des Zentralrats hat dessen Generalsekretär Stephan J. Kramer unterzeichnet und mit einem deutlichen "Betreff" versehen: "Deutsche Bahn verweigert Gedenken an Kinderdeportationen auf Bahnhöfen in Deutschland".[1] Kramer informiert die Abgeordneten, dass sich "die Initiative '11.000 Kinder' (...) seit geraumer Zeit für eine Ausstellung über das Schicksal" der Ermordeten einsetzt, "die zwischen 1942 und 1944 in Todeszügen über das Streckennetz der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz deportiert wurden." Trotz "mehrfacher Gesprächsangebote seitens der Initiatoren und Vermittlungsversuchen des Zentralrats" sei die Bahn AG nicht zu einem Dialog bereit.[2] "Ich bitte Sie daher (...) als Abgeordnete mitzuhelfen, dass die Deutsche Bahn ihrer Verantwortung für die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord" gerecht wird, appelliert der Zentralrat an das Parlament.[3]
Ohne Vorbehalt
Im Bundestag hat das Schreiben heftige Reaktionen hervorgerufen. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD fordert Bahnchef Harmut Mehdorn auf, die Ausstellung "nicht länger zu verhindern".[4] Der Vorsitzende der Bundestagsfraktion "Die Linke", Lafontaine, sagte dieser Redaktion, er unterstütze die an die Bahn AG gerichteten Forderungen "ohne Vorbehalt". Empört zeigt sich die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch gegenüber german-foreign-policy.com. Die Bahn AG wolle die "schreckliche(n) Zeugnisse ihrer eigenen Vergangenheit" verbergen, urteilt die Parlamentarierin. Frau Lötzsch (Die Linke) hatte bereits im vergangenen Jahr eine Anfrage an die damalige Bundesregierung gerichtet, aber war von einer Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium zurückgewiesen worden.[5]
Zuerst
Die Haltung des Ministeriums scheint unter seinem neuen Chef, dem früheren Leipziger Oberbürgermeister Tiefensee (SPD), elastischer geworden zu sein. Tiefensse äußert sich in der neuesten Ausgabe der "Jüdischen Allgemeinen" und macht aus seiner deutlichen Kritik an Bahn-Vorstandschef Mehdorn keinen Hehl.[6] Er habe Mehdorn "unlängst in einem persönlichen Brief gebeten, die Haltung des Unternehmens (...) zu überdenken", verrät der Minister, der gegenüber Mehdorn den Eigentümer der Bahn AG vertritt. Alleinige Gesellschafterin des Unternehmens ist die Bundesrepublik Deutschland. "Die Bahn sollte die organisatorischen und technischen Bedenken zurückstellen und die Ausstellung '11.000 jüdische Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod' auch auf den Bahnhöfen zeigen", ermahnt Tiefensee den Bahn-Manager. Um der Mehdorn-Gruppe eine Brücke zu bauen und die Bahnhofsbereiche vorsorglich zu entlasten, schlägt der Minister vor, die Ausstellung "zuerst" im Verkehrsministerium unterzubringen.
Aggressiv
Trotz der offenkundigen Kompromissbemühungen sorgen die Interventionen aus Regierung und Bundestag in der Berliner Bahn-Zentrale für erhebliche Spannungen. Als "ungünstig" werden die parlamentarischen Proteste im Referat Öffentlichkeitsarbeit bezeichnet, da sie die heutige Bilanzpressekonferenz stören könnten. Dort führt ein letztes Mal Werner W. Klingberg Regie, der noch amtierende Konzernsprecher. Nach seinen unglücklichen Auftritten, die sich u.a. gegen das Gedenken auf den deutschen Publikumsbahnhöfen richteten, wird Klingberg nach Stuttgart abgestellt, wo er in der kommenden Woche "Konzernbevollmächtigter" wird. Sein Nachfolger ist der frühere "Zeit"-Journalist Oliver Schumacher, dessen Flexibilität an die seines mittelbaren Dienstherrn, des Verkehrsministers, heranreicht. Zwischen Mehdorn ("Rambo") [7] und einer weniger aggressiv agierenden Vorstandsgruppe toben Strategiekämpfe. Während Mehdorn ein geschichtsloses Konzept internationaler Expansion durchsetzen will [8], raten seine Opponenten zu weniger grandiosen Projekten. In dieser Bahn-Fraktion sind auch Befürworter der Gedenkausstellung zu finden.
Spurensuche
Ungeachtet der Widersprüche in Behörden und Parlament setzt die "Initiative Elftausend Kinder" ihre Aktivitäten fort. Die private Gruppierung hat Fotos und Dokumente über Kinder aus Deutschland gesammelt, die auf dem Schienennetz der "Reichsbahn" in den Tod fahren mussten.[9] Nach einer ersten Präsentation im ver.di-Haus Stuttgart wandert diese kleine Behelfsausstellung jetzt durch die Bundesrepublik: Vom 8. bis 27. April wird sie in Osnbrück zu sehen sein (Stadttheater), vom 1. bis 30. Mai in Karlsruhe (Gewerkschaftshaus) und geht anschließend nach Weimar. Dort hat sich die örtliche Initiative mit dem Kulturamt, dem Bahnhofsverein und dem Jugendamt zusammengetan und plant zwischen dem 2. Juni und dem 5. Juli begleitende Aktionen. So wird es auf dem Bahnhofsvorplatz zu einer Kundgebung und einer Gedenkandacht kommen, um die ins Konzentrationslager Buchenwald deportierten Kinder zu ehren. Sie wurden mit Zügen aus Frankreich nach Weimar verbracht. Weil über die Identität dieser Ermordeten und ihrer Familien wenig bekannt ist, geht die Initiative gegenwärtig auf "Spurensuche" und will den Leidensweg der Thüringer Juden dokumentieren.
Zusammenarbeit
Die seit einem Jahr andauernden außerparlamentarischen Aktivitäten einer nur kleinen, aber entschlossenen Gruppe in mehreren deutschen Städten haben zu den jetzt bekannt gewordenen Reaktionen maßgeblich beigetragen - in Zusammenarbeit mit Serge und Beate Klarsfeld (Paris). "Dank ihrer Erinnerungsarbeit, die ein ganzes Lebenswerk ist, waren die bisherigen Erfolge möglich", sagt Tatjana Engel von der bundesweiten Initiative "Elftausend Kinder".[10]
Bitte lesen Sie das Schreiben an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags im Wortlaut.
Die Anfrage der Abgeordneten Dr. Gesine Lötzsch finden Sie hier.
Ausführliche Berichte finden Sie in unserem EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
|
Newsletter
Förder-Abo
Abonnenten
Archiv nach Ländern
Interviews |