In den Erklärungen der unterschiedlichen Veranstaltungsträger wird durchgängig zu Protesten gegen den DB-Konzernvorstand aufgefordert. Dessen Begründungen für die Gedenkverbote an den Orten der früheren Durchgangstransporte seien "zynisch", heißt es in einer Pressemitteilung der "Aktion 3.Welt Saar".[1] Der "Kontra-Laden" Verden wirft der Unternehmensspitze vor, gegen die Erinnerung an das Schicksal der Kinder "mit fadenscheinigen Argumenten" vorzugehen.[2] "Schäbig" nennt die Stuttgarter Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den DB-Hinweis, es fehlten die "finanziellen Ressourcen", um das Gedenken mit einer bundesweiten Ausstellung zu begehen.[3]
Straffrei
In einem Interview mit dieser Redaktion erinnert Christoph Schwarz an die straffrei gebliebenen Verantwortlichen des Deportationsgeschehens. Schwarz, Kurator der ab morgen zugänglichen Bilddokumentation über 180 der 11.000 ermordeten Kinder im Stuttgarter DGB-Haus, nennt den früheren Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium und stellvertretenden Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Albrecht Ganzenmüller. "Ganzenmüller gehörte zu den führenden 'Reichsbahn'-Organisatoren des Völkermords, und die logistische Schleusung der 11.000 Kinder über das deutsche Schienennetz geht auf sein Konto. Der Mann ist in Deutschland zwar vor Gericht gestellt worden, aber eine Strafe musste er nicht verbüßen.".[4]
Nichts gesehen
In dem Demonstrationsaufruf der Kölner Initiative wird auf die Mittäterschaft von "Reichsbahn"-Bediensteten hingewiesen, die in der Nachkriegszeit ihre Tätigkeit bei den "Reichsbahn"-Erben bruchlos weiterführten. Erwähnt werden:
- Hans Pitsch, während des Krieges Bahnhofsvorsteher in Bialystok und in den 1980er Jahren Bahnhofsvorsteher in Münster (Nordrhein-Westfalen): "Über die auf meinem Bahngelände gefundenen Leichen habe ich ordnungsgemäß Aktenvorgänge angelegt. Die Akten gingen dann nach oben an die Direktion. Damit hatte ich meine Pflicht erfüllt."
- Egon Weber, im Jahre 1943 Zugführer mehrerer Todeszüge auf der Eisenbahnlinie Bialystok-Treblinka, in den 1980er Jahren Bundesbahn-Obersekretär in Hamburg: "Die Schießereien längs des Zuges habe ich zwar gehört, aber nicht gesehen. Ich drehte mich nämlich nie um und sah nie nach hinten. Ich blickte immer nach vorne..."
- Eduard Kryscak, damals Zugbegleiter der Ostbahn, in den 1980er Jahren Oberzugführer aus Kirchweyhe bei Bremen: "Von den Verladungen der Juden auf dem Bahnhof Bialystok habe ich nichts gesehen. Ich war nämlich ununterbrochen mit dem Ausfüllen der vielen Wagenzettel für den Zug beschäftigt, und da hatte ich keine Zeit, um zu beobachten, was um mich herum vor sich ging."
- Martin Zabel, vormals Güterzug-Fahrplanreferent in Krakau, in den 1980er Jahren Vizepräsident der Bundesbahndirektion Kassel (Hessen): "Ich habe zwar mal meine Unterschriften gegeben, aber zuständig war ich nicht. Zuständig war vielmehr ein Herr Meyer... - welcher Herr Meyer das aber war, weiß ich heute allerdings auch nicht mehr."[5]
Unsere Väter
Die Organisatoren der Proteste werfen dem heutigen DB-Unternehmensvorstand vor, mit den NS-Verbrechen nicht anders umzugehen als die von Amnesie befallenen Bahn-Verantwortlichen der Nachkriegszeit - durch Ignorieren und visuelle Abkehr. "Deutsche haben sich bereits einmal geweigert, auf jene Kinder zu sehen, denen wir öffentlich gedenken wollen. Bei diesen Deutschen handelt es sich um unsere Väter und Großväter, auch um die Vorfahren des Unternehmensvorstands der Deutschen Bahn AG", schreiben die Kölner Veranstalter in ihrem Aufruf.
Bringeschuld
Christoph Schwarz, Kurator der Stuttgarter Dokumentation im DGB-Haus, sieht die Bahn AG "in einer historischen Bringeschuld, die sie nicht abschütteln kann. Das ist eine tiefe Wunde und sie wird nur heilen, wenn sich das Unternehmen auf eine positive, empathische Weise den Opfern, den Kindern zuwendet und allen anderen Ermordeten. Sie wurden in den 'Reichsbahn'-Waggons durch die Bahnhöfe unserer Städte geschleust (...). Aber der Widerstand gegen eine lebendige Erinnerung ist (...) stark (...). Das Berliner Management hört nicht auf Appelle. Es denkt in den Kategorien des Geldes und der Macht."[6]
Die Initiative "Elftausend Kinder" ruft zu kurzfristig angesetzten Aktionen in weiteren Orten der Bundesrepublik auf und weist auf direkt verfügbares Info-Material unter folgender Adresse hin:
http://www.german-foreign-policy.com/de/extra/11000kinder/veranstaltungen.php