Selektiv
Noch während der Demonstration im Frankfurter Hauptbahnhof
ließ die Bahn AG schriftlich mitteilen, sie werde weder dem
Verlangen der französischen NS-Opfer noch den Forderungen der
deutschen Initiative "Elftausend Kinder" nachgeben. Fotos und
Dokumente der Deportierten, die vom Vorgängerunternehmen der
heutigen Bahn AG in den Tod geschickt wurden, hätten auf deutschen
Reisebahnhöfen nichts zu suchen und könnten allenfalls hinter den
Mauern eines bahneignen Museums eingesehen werden. Damit beharrt
der Berliner Bahnvorstand unverändert auf seiner Absicht, die
bundesweite Öffentlichkeit von der geforderten Erinnerung
auszuschließen und das Opfergedenken selektiv zu behandeln. Unter
den Reichsbahn-Deportierten befinden sich über 500 deutsche und
mehr als 100 österreichische Kinder.
Nachfolge
Auf mehrsprachigen Transparenten hatte die Delegation der
FFDJF im Frankfurter Hauptbahnhof an "das Anrecht der deutschen und
österreichischen Kinder" gemahnt, mit Namen und Fotos aus der
Anonymität der Reichsbahn-Transporte befreit zu werden, um an die
Orte ihres letzten Weges posthum zurückkehren zu können. Die
französischen Demonstranten führten Dutzende Plakate mit, auf denen
Kinder aus Frankfurt, Wiesbaden, Leipzig und Dresden abgebildet
waren. Sprecher der deutschen Initiative verlasen die Namen
französischer Opfer. An die Reisenden wurden 4.000 Postkarten
verteilt. Adressat ist Bahn-Chef Mehdorn, der aufgefordert wird,
die deutschen Reisebahnhöfe endlich für das Gedenken zu öffnen.
Zusätzlich informierten die Demonstranten auf 8.000 Flyern über den
seit Jahresanfang schwelenden Konflikt mit dem Berliner
Reichsbahn-Nachfolgeunternehmen.
Internationalisiert
Eine ähnliche Aktion wird am kommenden Donnerstag (16. Juni)
auf dem Hauptbahnhof in Halle stattfinden. Dies bestätigt die
Hallenser Initiative "Elftausend Kinder", die ebenfalls am
Wochenende zu einer Informationsveranstaltung mit Beate Klarsfeld
eingeladen hatte. Um auf das Bahnhofs-Gedenken vorzubereiten,
präsentierte die Initiativgruppe im "neuen theater" das Ergebnis
ihrer Recherchen über Walter Wartenberg. Der Junge entstammte einer
Hallenser Familie, die wahrscheinlich 1936 aus Deutschland
emigrierte, um den antisemitischen Menschenjagden zu entgehen. Zwar
gelang die Flucht, aber endete trotzdem in Auschwitz, nachdem
deutsche Truppen Frankreich überfallen und die Rassenpogrome
internationalisiert hatten. Der Hallenser Historiker Prof. Max
Schwab erinnerte an weitere zwei Dutzend Familien, die aus Halle
auf dem Schienenweg in die Vernichtslager kamen, darunter Schwabs
eigener Vater.
Aussitzen
Über vergleichbare Erfahrungen wird am kommenden Freitag (17.
Juni) Edith Erbrich in Frankfurt a.M. berichten. Frau Erbrich wurde
als Siebenjährige mit ihren Eltern nach Terezin (Theresienstadt)
deportiert. Auch für diesen Transport stellte die Deutsche
Reichsbahn Viehwaggons zur Verfügung und verlangte von den
Verschleppten eine Fahrkarte 3. Klasse. Das Reisegeld (4 Pfennig
pro Kilometer) mussten die Todgeweihten selbst bezahlen. Neben Frau
Erbrich werden im Frankfurter IG-Metall-Haus auch Beate Klarsfeld,
Sprecher der deutschen Initiative sowie Prof. Micha Brumlik
erwartet. "Nach der erneuten Zurückweisung sämtlicher Appelle muss
die Bahn AG wissen, dass sich das Gedenken nicht aussitzen läßt. In
Frankfurt und an anderen Orten werden die Aktivitäten zur
Erinnerung an die elftausend Kinder auf erweiterter Stufenleiter
fortgesetzt werden", heißt es in einer Stellungnahme der
Initiatoren für german-foreign-policy.com.