Zu der Veranstaltung im
,,Historischen Kaufhaus''hatten die Initiatoren Überlebende
aus Freiburger Familien eingeladen, die in der NS-Zeit nach
Frankreich fliehen konnten, aber dort von deutschen Truppen
eingeholt wurden. Nur wenige kehrten zurück. Neun von zehn Kindern
der Familie Abraham schleuste die Deutsche Reichsbahn in
Viehwaggons nach Auschwitz und kassierte dafür 4 Pfennige pro
Person und Kilometer. Insgesamt bereicherte sich das
Vorläuferunternehmen der heutigen Bahn AG an wenigstens 3 Millionen
Todgeweihten und erhielt für die Schienentransporte in die
Vernichtungslager mindestens 120 Millionen Reichsmark.
1)Im Kaufkraftvergleich entspricht diese Summe etwa 60
Millionen Euro. Zu empörten Zwischenrufen kam es während der
Freiburger Veranstaltung, als Beate Klarsfeld (Fils et Filles des
Deportes Juifs de France) berichtete, dass die Deutsche Bahn AG
Finanzierungsprobleme vorschützt, um die in Paris entworfene
Ausstellung über die Zugdeportationen von über 11.000 Kindern nicht
auf deutschen Bahnhöfen zeigen zu müssen. Die Identität
,,der wirklichen Opfer, der wirklichen Täter''verschwinde
,,in gefälliger Abstraktion''und werde aus der Gegenwart
verbannt, heißt es im Redebeitrag des deutschen Initiativkreises
,,11.000 Kinder''.
2)
Fahrplanmäßig
Diverse Kleinbusse, PKWs und rund 50 Radlerinnen und Radler
sorgten trotz unbeständigen Wetters am vergangenen Freitag für
Aufsehen in der belebten Innenstadt von Berlin. Die Organisatoren
hatten zu einem Konvoi an die Stätten der früheren Verbrechen, an
die Verwaltungssitze der Täter und zu den Adressen der
NS-Nachfolgeunternehmen aufgerufen. Als der Konvoi zum Bahnhof
Zoologischer Garten gelangte, stellte sich den Demonstranten eine
Polizeikette entgegen, die den Zutritt in die Bahnhofshalle
versperrte. Daraufhin kam es zu einer halbstündigen Blockade im
Kreuzungsbereich vor der Gedächtniskirche. Über Lautsprecher
erinnerten die Teilnehmer an die Rolle der Reichsbahn, die für den
Antransport der Truppen und den Abtransport des Raubgutes ebenso
unentbehrlich war wie für die Heranführung der Sklavenarbeiter und
Vernichtungsopfer.
,,Trotz des erhöhten Bedarfs militärischer Tansportkapazitäten
organisierte das von Adolf Eichmann geleitete 'Referat Auswanderung
und Räumung' (...) in enger Zusammenarbeit mit der Reichsbahn (...)
die Transporte in die Vernichtungslager''-
,,fahrplanmäßig'', heißt es in dem Berliner Redebeitrag.
3)Die Mittäterschaft der Reichsbahn wird auch in Weimar
zur Sprache kommen, wo am heutigen Sonntag ein Infostand auf dem
Theaterplatz angemeldet ist (
,,Gegen das Vergessen'').
Plausibel
Obwohl die Proteste gegen die Deutsche Bahn AG anhalten und
inzwischen auch Tausende Reisende erreichen
4), bleibt der Bahnvorstand bei seiner Weigerung und
verbietet die geforderte Ausstellung auf den Bahnhöfen. In einer
Stellungnahme, die dieser Redaktion vorliegt, nennt das
Bundeskanzleramt das Verbot
,,plausibel''.
Parallelisierung
An den aktuellen Versuchen
,,der Amnesie und des Leugnens''
5)beteiligt sich die Bundesregierung in diversen
Variationen. Laut Kulturstaatsministerin Christina Weiss endete am
8. Mai 1945 nicht etwa die Berliner Herrschaft über Europa, sondern
,,eine ungeahnte Selbstzerstörung''des
,,zerrissenen Kontinent(s)''.
6)Zu dieser
,,Komplexität''gehört nach Ansicht der Ministerin das
vielfältige Leiden deutscher Soldaten, die sie
,,in (der) Kriegsgefangenschaft''erlebten. Auch wegen
,,Flucht und Vertreibungen''wurde der 8. Mai 1945 für
,,viele''
,,nicht zum Beginn des Friedens''. Wie Frau Weiss in
Erinnerung an den 60. Jahrestag der NS-Reichskapitulation weiter
beklagt, mussten die Deutschen
,,schwere Hungerwinter''überstehen,
,,in denen die Versorgung der Bevölkerung nach Kriegsende nicht
mehr gewährleistet war''. Gemeinsam mit den Opfern der
,,Verbrechen des nationalsozialistischen und des sowjetischen
Regimes''sollten die Deutschen daher ihre bisherigen
,,Sichtweisen überprüfen'', heißt es in einer
Parallelisierung der deutschen Massenverbrechen und ihrer
machtpolitischen Folgen in Europa.
Verwickelt
Auch der russische Präsident Putin sieht
,,das deutsche Volk''als
,,Opfer'', das der
,,Verantwortungslosigkeit seiner damaligen
Spitzenpolitiker''anheim gefallen ist.
7)Demnach wurden Millionen Reichsdeutsche ideologisch
,,vergiftet''und in den Krieg
,,verwickelt'', so dass sie am 8. Mai 1945 vor einer
,,persönlichen Tragödie''standen.
Angesichts dieser Vergangenheit sollten sich die Deutschen
aber
,,nicht beeinträchtigt fühlen''und ihre weltweiten Rechte
selbstbewusst wahrnehmen. Dazu gehöre eine ständige deutsche
Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat, kündigte Putin am Vorabend des
8. Mai an. Die Moskauer Unterstützung für das
,,Großziel''der deutschen Außenpolitik verschärft die
Spannungen zwischen Berlin und den Gegnern einer deutschen
Weltmachtrolle, darunter Washington und Rom.
8)
1) Ein Mehrfaches nahm die Deutsche Reichsbahn für
Nachschublieferungen an die Front, Raubzüge aus den besetzten
Ländern sowie für den europaweiten Transport mehrerer Millionen
Sklavenarbeiter ein. Diese Beträge flossen u.a. in den Erhalt und
den Ausbau der Bahnanlagen, in Immobilien und anderes
Anlagekapital, das nach dem 8. Mai 1945 nur teilweise beschädigt
war. Diese Werte existieren bis heute und gehören zum
Vermögensgrundstock der Deutschen Bahn AG.
2) Wir dokumentieren
Redeauszüge der Freiburger
Veranstaltung
3) Wir dokumentieren
Redeauszüge aus Berlin
4) Flyer der Initiative
,,11.000 Kinder''
5)
,,Mit der Reichsbahn in den Tod''; Rede auf der
Veranstaltung am 4. Mai 2005 in Freiburg
6) Rede der Kulturstaatsministerin Christina Weiss am 27.
April 2005 im Deutschen Historischen Museum in Berlin bei der
Eröffnung der Ausstellung zum 60. Jahrestag des Kriegsendes
7) Nie wieder Krieg; Bild-Zeitung 07.05.2005
8) s. auch
Fehlschlagund
Größtmöglicher
Schadensowie
Staatenelite