logo german-foreign-policy.com logo
Claude Grungrass
an elftausend deportierte Kinder, darunter mehr als 500 Angehörige deutscher Emigranten, veröffentlichen wir Fotos der in Auschwitz Ermordeten.
Ausstellung
der Organisation "Fils et Filles  des Déportés Juifs de France (FFDJF/Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs) .
Auszüge aus der Rede vor dem Mannheimer Hauptbahnhof
09.11.2005
MANNHEIM
Wir wollen heute wieder an den 9. November 1938, an die Pogromnacht, die jahrelang verharmlosend Kristallnacht genannt wurde, erinnern. Wir stehen heute vor dem Bahnhof in Mannheim, weil wir auf die Rolle der Reichsbahn bei der Deportation und damit der Ermordung der Juden, auch der Mannheimer und badischen Juden, hinweisen wollen.

Und - wie in jedem Jahr –müssen wir auf Äußerungen und Ereignisse hinweisen, die in der Tradition und aktuellen Kontinuität des Nationalsozialismus stehen.

Ernst Zündel, der in Kanada abgetaucht war, steht seit gestern vor dem Landgericht in Mannheim. Er muss sich wegen der Leugnung des Holocaust, also wegen der sog. Auschwitzlüge verantworten, weil er den Massenmord in den Konzentrationslagern, mit großem Aufwand, öffentlich leugnet. (...)

Auch die CDU meldet sich regelmäßig zum Thema der Kontinuität des Nationalsozialismus zurück. Der in Mannheim geborene Hans Karl Filbinger, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nahm im letzten Jahr als ernannter Wahlmann an der Wahl des Bundespräsidenten Horst Köhler teil. 1978 musste Filbinger als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten –weil er in der Position eines Marinestaatsanwalts im zweiten Weltkrieg an mindestens einem Todesurteil gegen einen Deserteur beteiligt war. Die Tatsache, dass gegen ihn nie ein Verfahren wegen Beteiligung an einem Mord eröffnet wurde und er sogar Ministerpräsident werden konnte und nun immer noch von der CDU hoch geehrt wird, zeigt die ungebrochene Kontinuität des NS-Verbrechertums. Proteste gegen seine Teilnahme an der Bundesversammlung blieben erfolglos.

Filbinger war einer der schärfsten Vollstrecker der Berufsverbote in den siebziger Jahren. Anette Schavan, noch amtierende Kultusministerin in Stuttgart, mit Ambitionen auf Größeres, nahm diese Tradition wieder auf. Michael Csaszkocy aus Heidelberg bekam vom Oberschulamt Karlsruhe Berufsverbot wegen Mitgliedschaft in einer antifaschistischen Gruppe. Genau vor zwei Jahren, am 9. November 2003 nahm er als Redner an unserer Gedenkveranstaltung in der jüdischen Gemeinde in Mannheim teil. (...)

Es wurden am 9. und 10. November 191 Synagogen unter Aufsicht von Polizei und Feuerwehr niedergebrannt. An diesen zwei Ta­gen wurden ca. 100 Morde an Juden began­gen und 20.000 verhaftet oder in Konzentrationsla­ger verschleppt. Unzählige Wohnungen und Ge­schäfte wur­den im gesam­ten deutschen Reich gestürmt und zer­stört.

Nachdem die Nazis am Morgen des 10. November 1938 in Mannheim beide Synagogen und die Kapelle des jüdischen Friedhofs gesprengt hatten, wurden alle jüdischen Männer zwischen 16 und 60 Jahren, derer man in Mannheim habhaft werden konnte, verhaftet. Sie wurden zu hunderten am Abend des 10.November 38 mit einem Sonderzug aus dem Hauptbahnhof Mannheim ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Einige von ihnen wurden bereits im Rahmen dieser Aktion ermordet, die anderen wurden vorläufig entlassen. Sie mussten versprechen, das Deutsche Reich so schnell als möglich zu verlassen.

Am 22./23. Oktober 1940 schließlich wurden die meisten der noch in Mannheim lebenden Jüdinnen und Juden, zusammen mit anderen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland, nach Südfrankreich verschleppt. Aus Mannheim waren es fast 2000 Menschen. Mit insgesamt 9 Zügen der Reichsbahn wurden sie ins Lager Gurs in Südwestfrankreich deportiert. Viele dieser Deportierten starben im Internierungslager an diversen Krankheiten und Erschöpfung. Nur wenige, insbesondere Kinder, konnten über humanitäre Organisationen vorübergehend aus den Lagern geholt werden. Darunter fanden sich auch 4 jüdische Kinder aus unserer Region, die schließlich versteckt im Kinderheim von Izieu bei Lyon fast gerettet worden wären. Es handelte sich um Sami Adelsheimer, Fritz Löbmann, Otto Wertheimer und Max Leiner.

Insgesamt über 11 000 Kinder, die den Torturen in den Lagern zunächst entkommen waren, wurden schließlich in den Jahren 1943 und 1944 über eine Sammelstelle in Drancy, nördlich von Paris, mit Güterwagons der Reichsbahn nach Auschwitz in die Gasöfen gebracht. Der Mannheimer Hauptbahnhof war immer eine Durchgangsstation mit halbstündigem Aufenthalt.

Auch die ursprünglich aus Mannheim verschleppten vier Kinder wurden von Izieu über Drancy und ihre Heimatstadt Mannheim nach Auschwitz in den Tod transportiert. Dies geschah auf Veranlassung von Klaus Barbie, dem Gestapo-Chef von Lyon. Sie gehörten zu den Elftausend Kindern, die über die über diesen Weg in den Tod geschickt wurden.
  • Sami Adelsheimer, er lebte seit 1938 in den S- und G-Quadraten. Er wurde nur 6 Jahre alt.
  • Fritz Löbmann, er lebte seit 1929 in den D- und L-Quadraten sowie in der Richard-Wagner-Straße. Er wurde nur 14 Jahre alt.
  • Otto Wertheimer, er lebte seit 1932 in der Richard-Wagner-Straße. Er wurde nur 12 Jahre alt.
  • Max Leiner, er lebte seit 1936 in den D-Quadraten sowie in der heutigen Kopernikus-Straße. Er wurde nur 7 Jahre alt.
Die Organisation „Fils et Filles des Deportés Juifs de France" /FFDJF (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs) und Unterstützungsgruppen in der BRD fordern seit dem letzten Jahr die Bundesbahn auf, eine bereits in französischen Bahnhöfen gezeigte Ausstellung über die Deportation dieser 11 000 Kinder zu übernehmen. Sie soll in den Bahnhöfen entlang der Transportstrecke durchgeführt werden. Trotz vieler Aufforderungen und Protestaktionen lehnt Bahnchef Mehdorn bisher jedes Gesprächsersuchen der Initiatoren ab.

Mit unserer Aktion vor dem Mannheimer Hauptbahnhof wollen wir die Forderung an die Bahn nach der Durchführung dieser Ausstellung – auch im Mannheimer Hauptbahnhof – unterstützen. Wir fordern insbesondere Herrn Mehdorn auf, seine starre Haltung zu ändern.

© Informationen zur Deutschen Außenpolitik

info@german-foreign-policy.com

Valid XHTML 1.0!