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Claude Grungrass
an elftausend deportierte Kinder, darunter mehr als 500 Angehörige deutscher Emigranten, veröffentlichen wir Fotos der in Auschwitz Ermordeten.
Ausstellung
der Organisation "Fils et Filles  des Déportés Juifs de France (FFDJF/Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs) .
Interviews


Einfluss geltend machen
19.11.2006
BERLIN
Über den Streit um die Ausstellung "Elftausend Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod" sprach german-foreign-policy.com mit Horst Friedrich. Friedrich ist Mitglied des FDP-Bundesvorstandes und verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Aus Leipzig deportiert
10.11.2006
LEIPZIG
Über die Deportation der jüdischen Bevölkerung Leipzigs sprach german-foreign-policy.com mit Dr. Steffen Held. Held ist Projektleiter der Ausstellung "Der letzte Weg. Die Deportation der Juden aus Leipzig 1942–1945", die vom 11. November 2006 bis zum 28. Januar 2007 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig zu sehen ist.

Dem Rechtsextremismus begegnen
10.11.2006
BERLIN
Mit Artur Brauner, dem Produzenten des Kinofilms "Der letzte Zug", sprach german-foreign-policy.com über die anhaltende Kontroverse um das Gedenken an die Deportationsopfer der Jahre 1938 bis 1945. In einer fiktiven Handlung schildert "Der letzte Zug" einen Todestransport der Reichsbahn, der im Vernichtungslager Auschwitz endete.

Interview mit Dr. Georg Girardet
28.09.2006
LEIPZIG
Über den Versuch der Stadt Leipzig, eine Freigabe des Leipziger Hauptbahnhofs für die Ausstellung "Elftausend Kinder" zu erreichen, sprach german-foreign-policy.com mit Dr. Georg Girardet (FDP). Dr. Girardet ist Bürgermeister und Beigeordneter für Kultur der Stadt Leipzig.

Interview mit Prof. Dr. Gudrun Hentges
11.07.2006
BERLIN
Über das Scheitern der Gespräche mit der Deutschen Bahn AG und dem Bundesministerium für Verkehr sprach german-foreign-policy.com mit Prof. Dr. Gudrun Hentges. Frau Hentges lehrt an der Hochschule Fulda und ist Repräsentantin der deutschen Initiative "Elftausend Kinder".

Interview mit Prof. Ahlrich Meyer
28.04.2006
OLDENBURG
Über die Deportationen jüdischer Kinder aus Frankreich in die NS-Vernichtungslager sprach german-foreign-policy.com mit Prof. Ahlrich Meyer. Meyer lehrt Politikwissenschaften an der Universität Oldenburg und ist Autor mehrerer Werke über die deutsche Besatzungsherrschaft in Frankreich.

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Dreßen
24.02.2006
DÜSSELDORF
Seit 1994 leitet Prof. Dr. Wolfgang Dreßen den Forschungsschwerpunkt "Rechtsextremismus und Neonazismus" an der Fachhochschule Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Prof. Dreßen ist Kurator einer aktuellen Ausstellung über die Verwertung geraubten jüdischen Eigentums ("Arisierung"), die bis zum 22. Februar in Köln zu sehen war. german-foreign-policy.com sprach mit Professor Dreßen über die Rolle des Vorgängerunternehmens der heutigen Deutsche Bahn AG bei den europaweiten Plünderungen.

Interview mit Christoph Schwarz
26.01.2006
STUTTGART
Christoph Schwarz ist Kurator einer Bilddokumentation über 180 Kinder aus Frankreich und Deutschland, die mit der "Reichsbahn" in die Vernichtungslager transportiert wurden. Die Präsentation im Stuttgarter DGB-Haus (27. Januar bis 2. März 2006) wurde durch Mittel der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ermöglicht. Die Materialien stehen für den Einsatz in anderen Städten zur Verfügung (Kontakt: baerbel.illi@verdi.de oder elftausendkinder@web.de).
german-foreign-policy.com: Wie umfangreich ist die Ausstellung?



Christoph Schwarz: Wir zeigen 150 Fotos aus der Pariser Sammlung von Beate und Serge Klarsfeld – ein geringer Teil jener Bilddokumente über die deportierten Kinder, wie sie auch in Frankreich auf den Bahnhöfen zu sehen waren. Wir haben darauf Wert gelegt, dass Kinderschicksale dokumentiert werden, die in Deutschland besondere Beachtung verdienen: Kinder, die hier oder in Österreich geboren wurden. Außerdem haben wir in Baden-Württemberg eigene Recherchen durchgeführt und konnten 30 Kinder ausfindig machen, die in Karlsruhe, Ulm und z.B. in Freiburg zu Hause waren.



gfp.com: Werden die Dokumente auch historisch eingeordnet?



Schwarz: Es gibt einen Abschnitt über Albrecht Ganzenmüller, den früheren Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium und stellvertretenden Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn. Ganzenmüller gehörte zu den führenden "Reichsbahn"-Organisatoren des Völkermords, und die logistische Schleusung der 11.000 Kinder über das deutsche Schienennetz geht auf sein Konto. Der Mann ist in Deutschland zwar vor Gericht gestellt worden, aber eine Strafe musste er nicht verbüßen.



gfp.com: Welche Schwierigkeiten gab es bei der Recherche?



Schwarz: Es existieren umfangreiche Unterlagen in den Staatsarchiven; als Findmittel eignen sich insbesondere die Wiedergutmachungsakten der Nachkriegszeit. Damals stellten viele Überlebende Anträge an die deutschen Behörden und schilderten die Schicksale ihrer Familien – oft auch die Schicksale der Kinder, die nie zurückkehrten. Das sind erschütternde Schilderungen... Und darin Menschen wiederzufinden, die plötzlich Gestalt annehmen, die noch leben könnten, wäre ihnen geholfen worden, das ist sowohl erhellend wie belastend.



Ein Beispiel: Hans Jürgen Meier, ein Junge aus Karlsruhe, blieb 1939 in Deutschland zurück, da sich die Eltern trennten und der Vater in die USA auswanderte. Die Mutter wollte ihren Sohn nicht weggeben, also blieben sie in Deutschland. Am 22. Oktober 1940 werden beide in das Sammellager Gurs nach Südfrankreich deportiert, selbstverständlich unter aktiver Beihilfe der "Deutschen Reichsbahn". Der Vater bemüht sich um ein US-Visum, das schreibt er nach Gurs und hält die Hoffnung der beiden am Leben. Er hat auch Erfolg. Das Visum trifft irgendwann im August 1942 in Gurs ein. Aber Hans Jürgen Meier und seine Mutter waren bereits am 12. August aus dem Lager geholt worden – auf den "Reichsbahn"-Schienen nach Auschwitz.



gfp.com: Wird es endlich ein Gedenkbuch für die aus Deutschland verschleppten Kinder geben, ähnlich dem der Klarsfelds in Frankreich?[1]



Schwarz: Es wäre längst an der Zeit. Es wäre allerhöchste Zeit! Aber leider hat sich meines Wissens darum in Deutschland noch niemand gekümmert – obwohl die Deportationslisten von ca. 13.000 jüdischen Kindern sprechen, die direkt aus Deutschland mit der "Reichsbahn" in die Vernichtungslager kamen.



gfp.com: Welche Ressourcen wären nötig?



Schwarz: Um die Kinder aus der Anonymität zurückzuholen, um ihnen ihre Gesichter wiederzugeben und sie nicht als bloße Opfer, sondern als lebendige Menschen wahrzunehmen, sind nicht nur Archivrecherchen nötig – man muss die letzten noch lebenden Zeitzeugen um Mithilfe bitten, in den USA, in Europa und in Israel Suchanzeigen schalten usw. Ich schätze, dass damit zwei Personen etwa zwei Jahre lang beschäftigt wären.



gfp.com: Ist es nicht naheliegend, an die Bahn AG heranzutreten und sie um die Finanzierung dieser Arbeit zu bitten?



Schwarz: Es ist naheliegend, selbstverständlich. Die Bahn AG ist in einer historischen Bringeschuld, die sie nicht abschütteln kann. Das ist eine tiefe Wunde, und sie wird nur heilen, wenn sich das Unternehmen auf eine positive, empathische Weise den Opfern, den Kindern zuwendet und allen anderen Ermordeten. Sie wurden in den "Reichsbahn"-Waggons durch die Bahnhöfe unserer Städte geschleust. Ein Buch zu ihrem Gedenken würde eigentlich in jede Bahnhofsboutique der DB AG gehören. Aber der Widerstand gegen eine lebendig Erinnerung ist dermaßen stark, daß ich an einer Projektfinanzierung durch die Bahn AG zweifle. Das Berliner Management hört nicht auf Appelle. Es denkt in den Kategorien des Geldes und der Macht.



[1] In Frankreich hat die Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" (FFDJF) mehrere tausend Kinderschicksale dokumentiert und unter dem Titel "Le Mémorial des Enfants Juifs Déportés de France" der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.





Interview mit Wolfgang Popp
31.01.2005
KÖLN/SIEGEN
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp ist Projektleiter im Siegener "Zentrum für Friedenskultur" (ZFK). ZFK-Geschäftsführer ist der Träger des Aachener Friedenspreises, Bernhard Nolz. Das ZFK ist eine Einrichtung der Gesellschaft für Friedenserziehung e.V., der Initiative Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) und des Forschungsgebiets Friedenserziehung der Universität-Gesamthochschule Siegen. Prof. em. Dr. Wolfgang Popp gehört zum Initiatorenkreis, der den "Offenen Brief" an die Deutsche Bahn AG gezeichnet hat.
german-foreign-policy.com : Die Deutsche Bahn AG lässt den "Offenen Brief" mehrerer hundert Einzelpersönlichkeiten und Organisationen bis heute unbeantwortet. Ist das Unternehmen unfähig, die Folgen einzuschätzen?



Prof. em. Dr. Wolfgang Popp : Das Gedenken an die 11.000 Kinder hat ja in der vergangenen Woche, am Auschwitz-Gedenktag, trotz der Bahnhofsverbote stattgefunden. Die Menschen haben sich von diesen Verboten nicht beeindrucken lassen. Auf mehreren Bahnhöfen sind stundenlang Fotos und Dokumente gezeigt worden, die Teil der geforderten Ausstellung sind. Die Unternehmensleitung um Herrn Mehdorn sollte erkennen, dass sie das nicht ignorieren kann. Die Forderungen bleiben bestehen: Ausstellungen in den Bahnhöfen und keine Abschiebung in ein Museum. Eine bundesweite Öffentlichkeit ist angemessen. Das entspricht auch der Würde, die diesen Kindern zurückgegeben werden muss.



german-foreign-policy.com : In Frankreich wurde die Ausstellung auf 18 Bahnhöfen gezeigt. Welche Bahnhöfe schlagen Sie in der Bundesrepublik vor?



Prof. em. Dr. Wolfgang Popp : Deportationen haben ja auf fast sämtlichen Bahnhöfen im damaligen NS-Reichsgebiet stattgefunden. Zum Beispiel auch hier in Siegen, wo die Verhafteten von der "Deutschen Reichsbahn" übernommen und dann "Richtung Osten" abtransportiert wurden, wie es euphemistisch hieß. Ich kann Initiativen, die daran erinnern, nur ermutigen, egal in welchen Städten sie arbeiten... Im konkreten Fall der Ausstellung über den letzten Weg der 11.000 Kinder bietet es sich an, in den damaligen Durchgangsbahnhöfen zu informieren, also u.a. in Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda, Apolda, Leipzig, Dresden und Görlitz. Darüber hinaus sollte die Ausstellung an besonders prominenter Stelle in Berlin gezeigt werden - so wie sie in Paris, auf dem Gare du Nord, gezeigt worden ist.



german-foreign-policy.com : Eine solche Wanderausstellung zu organisieren, braucht Zeit. Welchen Zeitrahmen schlagen Sie vor?



Prof. em. Dr. Wolfgang Popp : Die Ausstellung existiert ja bereits und steht in Paris. Abgesehen von den deutschen Übersetzungen, ist sie einsatzbereit... Es ist richtig, dass die Vorbereitungen nicht übers Knie gebrochen werden können; dabei muss aber berücksichtigt werden, dass nur noch wenige Zeitzeugen leben. Sie werden bald nicht mehr berichten können. Es gibt ja, leider sehr wenige, Überlebende dieser Transporte. Es gibt die Söhne und Töchter der Deportierten. Man kann damit nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Am 8. Mai jährt sich der 60. Jahrestag der Befreiung. Vielleicht sollte man der DB bis zu diesem Zeitpunkt Zeit lassen, sich zu erklären. Spätestens am 8. Mai sollte die Deutsche Bahn verbindlich mitgeteilt haben, ob sie die Ausstellung zumindest auf den Durchgangsbahnhöfen zeigen will oder nicht. Am besten sollten die Gespräche darüber sofort beginnen.



german-foreign-policy.com : Und wenn nicht, wenn das Unternehmen ablehnt?



Prof. em. Dr. Wolfgang Popp : Ich habe weiter die Hoffnung, dass man dort aus den Bahnhofsdemonstrationen am Auschwitz-Gedenktag die richtigen Schlüsse zieht. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Deutsche Bahn AG bis zum 8. Mai Vorbereitungen getroffen haben könnte, um die Ausstellung in der zweiten Jahreshälfte 2005 oder etwas später auf den Bahnhöfen zu präsentieren... Das damit verbundene Gedenken wird auch gar nicht zu verhindern sein. Die lokalen Initiativen in den bereits genannten Städten, zwischen Saarbrücken und Görlitz, drängen ja bereits jetzt darauf, das Gedenken vor Ort fortzusetzen. Diese Initiativen müssen in die Vorbereitungen eingebunden werden. Sie können der Deutschen Bahn eine Hilfe sein, das Gedenken vor Ort zu praktizieren. Die DB AG muss diesen Initiativen Mittel bereit stellen. Die Unterschriftenliste, die auch im Ausland kursiert, wird immer länger. Man kann das Gedenken an die Überlebenden der damaligen Todestransporte nicht verbieten, hat Frau Klarsfeld in einem Interview gesagt. Es ist unmöglich, die Menschen durch Bahnhofsverbote zwingen zu wollen, ihre Empörung und Trauer zu unterdrücken. Das wird auf keinen Fall gelingen.





Interview mit Beate Klarsfeld (2)
26.01.2005
KÖLN/PARIS
Über die Weigerung der Deutschen Bahn AG, eine Ausstellung über die 11.000 bahndeportierten Kinder, deren letzter Weg auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz führte, auf deutschen Bahnhöfen zuzulassen, sprach german-foreign-policy.com erneut mit Beate Klarsfeld, der langjährigen Repräsentantin der "Fils et Filles des Deportés Juifs de France" /FFDJF (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs).
german-foreign-policy.com : Hat die Deutsche Bahn inzwischen Ihnen gegenüber auf die angekündigten Proteste reagiert?



Mme Beate Klarsfeld : Nein. Es gibt noch keine Reaktion. Ich glaube, es kommt darauf an, ob sich in Deutschland genügend Menschen finden, die sagen: Die Deutsche Bahn muss diese Ausstellung zeigen, sie ist schließlich mehr dafür verantwortlich als die französische Bahn. Wenn die Unterschriftensammlung stark genug ist, um Druck auf die DB auszuüben, ist das vielleicht mehr, als wir - die FFDJF - machen können.



german-foreign-policy.com : Was halten Sie von den Protesten, die für den 27. Januar angekündigt sind?



Mme Beate Klarsfeld : Ich finde das wunderbar. Von den 11.000 jüdischen Kindern sind mehr als 500 in Deutschland geboren worden. Die Juden haben damals Deutschland verlassen, weil sie sich in Frankreich sicher fühlten, und wurden dann von den Nazis in Frankreich eingeholt und deportiert. Irgendwie muss Deutschland sich auch mal zu seinen jüdischen Kindern bekennen.



Der entsprechende Druck muss allerdings - wie gesagt - von den Deutschen kommen. Wir als französische Gruppe können nicht am 27. Januar Menschen zu deutschen Bahnhöfen bringen und dort Kinderfotos hochhalten. Wenn das Deutsche machen würden, wäre das wunderbar. Sie würden das dann auch stellvertretend für uns machen.



german-foreign-policy.com : Was empfinden Sie angesichts der Tatsache, dass in Deutschland Proteste nötig sind, um die Ausstellung - wenn überhaupt - durchzusetzen?



Mme Beate Klarsfeld : In Deutschland verschanzen sich im Moment alle hinter dem Holocaust-Denkmal, dem Jüdischen Museum und anderen Projekten. Das hat aber alles nichts mit der Deutschen Bahn zu tun. Unser Argument in Frankreich war: Die Juden sind über die Schienen deportiert worden, also muss eine Aktion direkt von der Eisenbahn durchgeführt werden. Und das gilt auch für die Deutsche Bahn. Die Rolle der Züge für die Deportation ist ungeheuer wichtig. Darauf muss man hinweisen. In Auschwitz-Birkenau selbst finden Sie drei Gleise. Drei Züge konnten dort hineinfahren und gleichzeitig Juden ausladen.



german-foreign-policy.com : Sie befürchten, dass nach den offiziellen Gedenkveranstaltungen zum 60. Jahrestag der Befreiung die Aufmerksamkeit für Auschwitz in der Öffentlichkeit sinken wird?



Mme Beate Klarsfeld : Ganz klar. Die offiziellen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag sind ein gewisser Höhepunkt. Der 70. Jahrestag der Befreiung kann nicht mehr so intensiv begangen werden, denn in zehn Jahren werden die letzten überlebenden Deportierten verstorben sein. Unsere Ausstellung soll eben die junge Generation aufklären, sie soll den Kampf gegen Antisemitismus weiterführen und den kommenden Generation über Auschwitz, über die "Endlösung der Judenfrage" berichten.



german-foreign-policy.com : Eine Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen könnte das Thema mehr im allgemeinen Bewusstsein verankern...



Mme Beate Klarsfeld : Genau. In Frankreich stand sie auf den Bahnhöfen. Es sind viele Menschen daran vorbeigelaufen, die sich nur ihre Fahrkarte kaufen wollten, sie haben die Ausstellung gesehen, sie haben die Deportationen im Gedächtnis behalten. Das wäre auch in Deutschland wichtig.





Interview mit Dr. Nathan Durst
24.01.2005
KÖLN/HAIFA
Dr. Nathan Durst, klinischer Direktor des psychosozialen Zentrums für Überlebende des Holocaust (Haifa), erhebt im Interview mit german-foreign-policy.com schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn AG. Angesichts der Weigerung der DB, eine Ausstellung über die Todestransporte jüdischer Kinder nach Auschwitz auf Reisebahnhöfen zuzulassen, sagt Dr. Durst: ,,Das Minimum, das ich erwarte, ist, dass alles unterbleibt, was das öffentliche Gedenken behindern könnte; das ist das mindeste, was die Erben der "Endlösung" den Opfern schulden."


german-foreign-policy.com : Herr Dr. Durst, wie konnten Sie dem Nazi-Terror entkommen?



Dr. Nathan Durst : Ich wurde am 14. Dezember 1930 in Berlin geboren, in der Linienstraße, und war das vierte Kind einer religiösen Familie. 1938 wurde mein Vater verhaftet und nach Zboncyn verschleppt. 1939, nach der sogenannten Reichskristallnacht, gelang es meiner älteren Schwester und mir, nach Holland zu entkommen. Es war Winter, wir taten so, als spielten wir im Schnee, und der deutsche Posten ließ uns passieren. 1943, als Holland infolge der deutschen Besetzung für "judenrein" erklärt wurde, fanden wir Verstecke und überlebten.



german-foreign-policy.com : Und die anderen Mitglieder Ihrer Familie?



Dr. Nathan Durst : Zwei weitere Schwestern versuchten ebenfalls über die Grenze nach Holland zu entkommen, aber wurden verhaftet. Die deutsche Bahn brachte sie nach Berlin zurück. Die Bahn hat sich dann 1941 unserer Familie erneut angenommen. Fanny war 16 und Jenny 13 Jahre alt. Zusammen mit vielen meiner Onkels und Cousinen wurden beide auf dem deutschen Schienenweg nach Polen deportiert. Von Lodz kamen sie nach Auschwitz und wurden dort umgebracht - wiederum mit einem Freifahrschein der deutschen Bahn, der in den Tod führte.



german-foreign-policy.com : Die heutige Deutsche Bahn AG behauptet, sie verfüge leider nicht über genügend Finanzmittel und Personal, um ein Ausstellungsgedenken an die Zugdeportationen auf den deutschen Publikumsbahnhöfen zuzulassen.



Dr. Nathan Durst : Soll ich das ernst nehmen? Ich bitte Sie! Soll ich von dem nie enden wollenden Schmerz erzählen, der mich überkommt, wenn ich an die Zugdeportationen meiner Familie denke? Ich verlange von der Deutschen Bahn AG nicht einmal irgendeine Form der Entschädigung. Das Minimum, das ich erwarte ist, dass alles unterbleibt, was das öffentliche Gedenken behindern könnte; das ist das mindeste, was die Erben der "Endlösung" den Opfern schulden. Die Züge rollten damals schnell, pünktlich und zielstrebig von überall in Europa an ihre Vernichtungsziele. Das Lob, das die deutsche Bahn damals dafür von den Mördern empfing, muss jetzt zurückgegeben werden, verwandelt werden in das Eingeständnis, an grauenvollen Taten beteiligt gewesen zu sein. Die Deutsche Bahn kann unsere Verletzungen nicht übergehen. Wenn das Unternehmen die Vergangenheit weiter verleugnet, dann verleugnet es die Morde an unseren Familien, die einer anderen Religion angehörten.



german-foreign-policy.com : Am 27. Januar wollen sich Menschen in mehreren deutschen Bahnhöfen über das Verbot der Deutschen Bahn AG hinwegsetzen und an die Deportationszüge erinnern.



Dr. Nathan Durst : Diese Menschen guten Willens, die sich verpflichten zu erinnern, zu gedenken, leisten eine praktische, aktive Hilfe. Sie beteiligen sich an einem Prozess der Trauerarbeit. Wir werden an diesem Tag gemeinsam trauern: Wir, die Angehörigen, über unsere zahlreichen Verluste, und Sie in Deutschland über den Verlust humaner Werte. Die Menschen guten Willens in Deutschland werden unserem stummen, verzweifelten Schrei all dieser Jahre eine Stimme geben.





Interview mit Annette Antignac
19.01.2005
KÖLN/PARIS
Annette Antignac ist die Tochter von Ruth und Walter Fabian, die in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen mussten. Bis zum Einmarsch der deutschen Besatzungstruppen arbeiteten beide in Organisationen der Emigration, u.a. im Lutétia-Kreis unter Vorsitz von Heinrich Mann. Frau Antignac, geborene Fabian, kehrte nach Kriegsende nach Frankreich zurück und lebt seitdem in Paris.
german-foreign-policy.com : Von den 11.000 aus Frankreich deportierten Kindern waren mehr als 500 Kinder deutscher Emigranten. Sie alle endeten in Auschwitz. Wie gelang es Ihrer Familie, den Deportationen zu entkommen?



Mme Annette Antignac : Meine Eltern waren sehr früh nach Paris gekommen, weil sie in Deutschland politisch verfolgt wurden. Weil sie außerdem unter die NS-Rassegesetze fielen, war die Emigration der einzig mögliche Weg, um zu überleben. Als die Deutschen nach Frankreich vorrückten und auf Jagd nach ihren Feinden gingen, wurde mein Vater aus dem Lager Marolles im Département Loiret, in dem er sich zuvor aufhalten musste, in die Fremdenlegion nach Nordafrika abgeschoben. Er hatte damals die Wahl: Fremdenlegion oder Abschiebung zurück nach Deutschland. Obwohl er sich schon als Oberschüler in Berlin als Pazifist betätigt hatte und stets alles Militärische bekämpfte, hat er die Fremdenlegion gewählt. Meine Mutter ist, nachdem ich im März 1940 in Paris geboren wurde, mit dem Baby nach Südfrankreich geflohen, wo sie dann später, 1942, meinen Vater wieder traf. Sie sind Mitte 1942 dann illegal über die Grenze in die Schweiz geflüchtet. Wir sind also der Deportation entgangen, indem wir in der Schweiz akzeptiert wurden, weil es dort damals ein Reglement gab, wonach Familien mit Kindern unter - ich glaube - fünf Jahren bleiben durften.



german-foreign-policy.com : Was wissen Sie über das Schicksal anderer Emigranten und deren Kinder, denen die Flucht nicht gelang?



Mme Annette Antignac : Ich weiß von deutschen Emigranten, deren Kinder in Frankreich versteckt wurden, während der Vater oder die Mutter, manchmal sogar beide, den Weg in die Vernichtungslager antreten mussten. Die meisten kehrten nicht zurück. Die wenigen, die zurückkehrten, verstummten. Wir hatten in unserer nächsten Umgebung außer Frau Sperber - der Witwe von Manes Sperber, die einen ganz großen Teil ihrer Familie, Geschwister, Eltern, im Vernichtungslager Auschwitz verloren hat - niemanden, der darüber sprach.



Das ist eine der ganz traurigen Konsequenzen ihrer Leiden: Sie lebten hier in Frankreich meist vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Das bisschen Kraft, das sie noch hatten - und das war in unserer nächsten Familienumgebung und im Freundeskreis sehr sichtbar - das bisschen Kraft, das übrig blieb, war eigentlich nur da, um zumindest weiter existieren zu können, um sich an der Gegenwart festzuhalten. Diese ehemaligen Deutschen hatten ja alles verloren, zum größten Teil sogar sehr nahe Familienmitglieder. Aber außerdem eben auch noch das bisschen, das sie in der Emigration in Frankreich aufgebaut hatten, angefangen von der Wohnung bis hin zur Arbeit. Das musste alles wieder hergestellt werden.



Es kommt noch etwas anderes hinzu, etwas, das Simone Weil kürzlich in einer Sendung des französischen Fernsehens ansprach: Die wenigen, die in der Lage waren, über Auschwitz und andere Lager zu berichten, wurden im Nachkriegsfrankreich kaum gehört. Das müsste Ihnen in Deutschland bekannt vorkommen: Man wollte nicht erinnert werden. Sonst wäre vielleicht aufgedeckt worden, dass die Deportationen der Emigrantenkinder ohne Mithilfe der französischen Kollaborateure kaum möglich gewesen wären. Das Verweigern von Erinnern deutet immer auf Schuld hin.



german-foreign-policy.com : Die Deutsche Bahn AG verweigert das Erinnern auf den Durchgangsbahnhöfen der Auschwitz-Transporte wegen mangelnder Finanzmittel. Eine entsprechende französische Ausstellung soll in ein lokales "Bahnmuseum" abgeschoben werden...



Mme Annette Antignac : Das ist... Das ist haarsträubend. Und irgendwie auch unglaublich. Was kostet die Ausstellung schon? Wir sind jetzt bei der dritten oder vierten Generation nach den Deportationen angekommen. Also kann man doch eine solche Ausstellung zeigen, muss man sogar. Ich verstehe es nicht. Wir hören in Frankreich in den höchsten Tönen über das neue Deutschland reden. "Nie wieder Auschwitz" , heißt es in Berlin. Das ist ein lobenswertes, notwendiges Bekenntnis. Aber es entwertet sich von selbst, wenn man das öffentliche Gedenken an das wirkliche, an das konkrete Auschwitz und die entsetzlichen Opfer, an die elftausend Kinder, möglichst vermeiden möchte. Das ist völlig unglaubwürdig.





Interview mit Beate Klarsfeld
13.01.2005
KÖLN/PARIS
Über die Weigerung der Deutschen Bahn AG, eine Ausstellung über die 11.000 bahndeportierten Kinder, deren letzter Weg auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz führte, auf deutschen Bahnhöfen zuzulassen, sprach german-foreign-policy.com mit Beate Klarsfeld, der langjährigen Repräsentantin der "Fils et Filles des Deportés Juifs de France" /FFDJF (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs).
german-foreign-policy.com : Die Deutsche Bahn AG hat Ihnen mitgeteilt, dem Unternehmen fehlten die personellen und finanziellen Ressourcen, um Ihre Ausstellung über die auf dem Schienenweg nach Auschwitz deportierten Kinder in den Bahnhöfen der DB zu zeigen. Wieviel würde die Präsentation der Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen kosten?



Beate Klarsfeld : Ich habe deswegen in Berlin eine Firma angesprochen, sie hat einen Preis von 40.000 Euro ausgerechnet. Das ist wirklich kein Vermögen.





Ich vergleiche die Reaktion der Deutschen Bahn mal mit der Reaktion der französischen Staatsbahnen SNCF. Die SNCF hat uns vor drei Jahren ihre Bahnhöfe zur Verfügung gestellt, und zwar zum 60. Jahrestag der Deportation der Juden aus Frankreich, die 1942 begann. Wir haben in 18 großen Bahnhöfen drei Wochen lang die Wanderausstellung über jüdische Kinder gezeigt, die aus Frankreich deportiert wurden. Die SNCF hat uns die Bahnhofshallen geöffnet, hat uns die Tafeln zur Verfügung gestellt, wir hatten Tag und Nacht einen Sicherheitsdienst, und auch der Transport der Ausstellungsmaterialien von einem Bahnhof zum nächsten wurde mit Lastwagen der SNCF durchgeführt. Die Franzosen konnten dies. Jetzt kommen von der Deutschen Bahn ganz andere Reaktionen: Wir haben kein Geld, wir haben keinen Platz. Das ist sehr bemerkenswert.



german-foreign-policy.com : Die Deutsche Bahn bietet an, die Ausstellung in einem "Bahnmuseum" in Nürnberg unterzubringen, Halten Sie die Zuweisung der Ausstellung in ein "Bahnmuseum" für angemessen?



Beate Klarsfeld : Wir haben diese Ausstellung nicht nur wegen des 60. Jahrestags der Deportation der Juden aus Frankreich ins Leben gerufen, sondern auch, um davon unabhängig zu informieren, aufzuklären. Die Reisenden, die zufällig auf einem Bahnhof in Frankreich auf diese Ausstellung stießen, waren immer sehr beeindruckt. Da waren die Fotos der Deportierten, da war die dazu gehörende Lebensgeschichte; durch diese sehr persönliche Ansprache haben die Menschen vielleicht mehr gelernt als durch einen allgemeinen historischen Überblick.



Die Bilder der deportierten jüdischen Kinder aus Deutschland sind in einem Museum in New York zu finden, im Museum of Jewish Heritage gibt es eine Dauerausstellung. Die Bilder sind in Frankreich an Bahnhöfen gezeigt worden, in Deutschland sollen sie nun nicht gezeigt werden. Das ist ein Skandal.



german-foreign-policy.com : Sie sprechen von jüdischen Kindern aus Deutschland. Weshalb wurden sie von Frankreich aus deportiert?



Beate Klarsfeld : Von den 76.000 Juden in Frankreich waren 7.000 in Deutschland geboren worden, sie flüchteten vor den Nazis und kamen nach Frankreich. Dort wurden sie von den NS-Besatzern wieder eingeholt und von hier aus nach Auschwitz deportiert. Unter den 76.000 Juden waren 11.000 Kinder im Alter unter 18 Jahren, und unter diesen Kindern sind mehr als 500 in Deutschland geboren worden, in Berlin, Frankfurt, Köln und anderen Orten.



Von diesen 500 Kindern gibt es 100 Fotos. Es gibt Dokumente wie zum Beispiel das Briefdokument eines Deportierten. Der junge Mann war in Frankreich festgenommen und von der Gestapo gefoltert worden. Einen Brief konnte er noch aus dem Zug werfen, als er von Drancy nach Auschwitz deportiert wurde.



german-foreign-policy.com : Bei der Deutschen Bahn gehen erste Proteste ein. Was empfehlen Sie den Menschen in der Bundesrepublik, damit ein öffentliches Gedenken auf den deutschen Bahnhöfen ermöglicht werden kann?



Beate Klarsfeld : Ich weiß nicht, wer in Deutschland reagieren könnte. In der moralischen Verantwortung ist auf jeden Fall die Deutsche Bahn AG. Das Unternehmen sponsert mit viel Geld die Fußballweltmeisterschaft 2006, man sagt mir, dass die DB auch sonst zahlreiche Projekte unterstützt. Wir hier in Frankreich können nicht mehr tun, als die DB um Kooperation zu bitten. Sie sind in Deutschland. Wer sich dort erinnern will, hat ein Recht, das zu tun. Erinnerung kann man nicht verbieten.





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